Amazon und das umsatzsteuerliche Risiko für Händler und Kunde

Aktuell hat sich die Finanzverwaltung zu den Steuerrisiken für Händler aufgrund der „neueren Lagerpolitik” Amazons geäußert. Amazon setzt derzeit zunehmend auf Lager in Osteuropa (Polen, Tschechien).

Wir beleuchten deshalb die umsatzsteuerlichen Thematiken für Sie als Händler oder auch Kunde näher.

Mit einem jährlich zweistelligen Milliardenumsatz gehört Amazon in Deutschland zu den größten Handelsunternehmen überhaupt. Auf dem deutschen Marktplatz von Amazon tummeln sich schätzungsweise 50.000 aktive Händler, die ihre Waren zum Verkauf anbieten und entweder selbst versenden oder den Versanddienst von Amazon nutzen. Dies hatte zuletzt zur Folge, dass sich viele Anbieter aber auch Kunden – mit den Tücken des europäischen Mehrwertsteuerrechts auseinandersetzen müssen.

Die denkbaren Amazon Modelle
Bei Amazon in Deutschland werden Waren auf drei verschiedenen Wegen angeboten.

  1. Direktverkauf:
    Hierbei veräußert die luxemburgische Amazon EU S.à.r.l., die in Deutschland über eine Zweigniederlassung verfügt, die Ware direkt. Die Amazon EU S.à.r.l. ist die Verkäuferin der mit „Verkauf und Versand durch Amazon“ im Onlineshop gekennzeichneten Waren.
  2. Marketplace:
    Daneben bietet Amazon – genauer: die ebenfalls in Luxemburg ansässige Amazon Services Europe S.à.r.l. – auch den sogenannten Marketplace an. Dabei handelt es sich um eine Verkaufsplattform für Onlinehändler (ähnlich ebay). Dort verkaufen die Händler in eigenem Namen und auf eigene Rechnung ihre Waren, wobei den Händlern auch die komplette Auftragsabwicklung obliegt.
  3. Auftragsabwicklung durch Amazon:
    Unter den Angeboten im Marketplace finden sich auch solche, die als „Verkauf durch [Händler], Versand durch Amazon“ gekennzeichnet sind. Die Händler hinter diesen Angeboten nehmen am „Fulfillment by Amazon“ (zu Deutsch „Auftragsabwicklung durch Amazon“ – kurz FBA) teil. Dabei werden die Warensendungen in ein Amazon-Lager verbracht und dort durch Amazon selbständig versendet. Hier werden eine Vielzahl von Leistungen durch Amazon erbracht – z. B.: Einpacken, Umverpacken, Etikettieren, Zusammenstellen, Versand der Ware bis hin zur Bearbeitung von Retouren.

Problem:
Der Händler hat keinen direkten Kontakt mehr zu seiner Ware im Rahmen einer Bestellung durch einen Kunden. Dies hat für reine Betreiber von Onlineshops den Vorteil eine einfache und sichere Abwicklung der Logisitk zu haben. Rein zivilrechtlich erfolgt das Kaufgeschäft aber auch im Rahmen des FBA weiterhin allein zwischen Händler und Kunde. Der Händler erstellt selbst und in eigener Verantwortung die Verkaufsrechnungen.

Betrachtung Händler

  1. Direktverkauf:
    Im Rahmen des Direktverkaufs erbringt Amazon grundsätzlich Lieferungen an die Endkunden. Generell unterstellt Amazon, dass der Verkauf der Waren an Privatpersonen erfolgt. Bei einem Warenversand an Kunden in Deutschland werden mithin stets 7 Prozent oder 19 Prozent Umsatzsteuer fällig. Werden Waren ins EU-Ausland versendet, wird die im Bruttopreis enthaltene deutsche Umsatzsteuer abgezogen und durch den lokalen Steuerbetrag des jeweiligen Landes ersetzt. Insoweit ändert sich für den Kunden dann auch der Einkaufspreis. Beim Versand ins Nicht-EU-Ausland fällt keine Mehrwertsteuer an. Eine eventuelle Besteuerung richtet sich dann nach den Vorschriften des Drittstaats. Auf eine erforderliche zollrechtliche Abwicklung möchten wir hier nur kurz verweisen.Hinweis:
    Jeder EU-Kunde bei Amazon hat die Möglichkeit, seine USt-IdNr. im Konto zu hinterlegen. Dabei versichert der Kunde gegenüber Amazon vertraglich, dass ihm die angegebene Nummer zugeteilt wurde und er alle bei Amazon erworbenen Produkte für das dahinterstehende Unternehmen nutzt.

    Amazon prüft dann unmittelbar im Rahmen der Bestellung anhand der USt-IdNr. und der Versandadresse, ob eine steuerfreie innergemeinschaftliche Lieferung ausgeführt werden kann.

    Beispiel:
    Die Ware wird aus einem polnischen Lager von Amazon direkt an den deutschen Unternehmer, welcher eine gültige deutsche USt-IdNr. in seinem Konto hinterlegt hat bestellt und versendet. Der deutsche Unternehmer erhält noch während des Bestellvorgangs die Information und erkennt, ob statt des Bruttopreises einschließlich deutscher Umsatzsteuer lediglich der Nettopreis in Rechnung gestellt bekommt.

  2. Marketplace und FBA
    Die Besteuerung bei Amazon erfolgt im Rahmen des Marketplace analog im Direktverkauf nur beim Händler. Der Händler wird dann als Lieferer erfasst und er hat den Verkauf entsprechend zu versteuern. Die Teilnahme am FBA hat insoweit auf die Besteuerung keinen Einfluss. Faktisch erhöht sie gleichwohl das Risiko für den Händler, welche nachfolgend dargestellt wird.
  • Einlagerung für den Händler
    Amazon betreibt Warenlager nicht nur in Deutschland, sondern setzt verstärkt auf eine logistische Abwicklung in Osteuropa. Dort werden auch Waren deutscher Marketplace-Händler eingelagert. Selbst bei Bestellung aus Deutschland kann es dazu kommen, dass Waren vom Händler aus Deutschland zunächst beispielsweise nach Polen transportiert wurden und nach der Bestellung anschließend zurück nach Deutschland an den deutschen Endkunden befördert werden.

Beispiel:
Händler H aus Deutschland beabsichtigt, einen Großteil seiner Waren im Rahmen des FBA abzuwickeln. Amazon deponiert zunächst seine Ware in ein Auslieferungslager in Polen. Von dort aus werden die Waren zum Zeitpunkt des Verkaufs über den Amazon Marketplace an Endabnehmer in Deutschland geliefert. Amazon wickelt den Endkundenversand ab und erbringt ggf. noch Zusatzleistungen. Nach einer internen Abstimmung vertritt die Finanzverwaltung nunmehr die Auffassung, dass es sich um ein steuerbares Verbringen ins Warenlager in Polen handelt. Als Rechtsfolge besteht für H eine Registrierungspflicht im Mitgliedstaat der Einlagerung im Beispiel also Polen. Entsprechend habe er dort den innergemeinschaftlichen Erwerb und ggf. die Warenlieferung an den Endkunden zu erklären.

  • Lagerentnahme für den Händler durch Amazon und Versand an den Kunden
    Wird die Ware nun weiter ins EU-Ausland versendet, ist bei Geschäften zwischen Händler und Privatpersonen zwingend die „Versandhandelsregelung“ nach § 3c UStG zu beachten. Die Vorschrift bestimmt den Ort der Lieferung und damit, in welchem Mitgliedstaat der Umsatz steuerbar ist. Die Ortsbestimmung hat vor allem Bedeutung für innergemeinschaftliche Versandhandelsgeschäfte mit Privatpersonen und soll über eine Besteuerung der Lieferung eine Steuerbelastung des Letztverbrauchs im Bestimmungsland sicherstellen. Die Norm ist aufgrund der vielfachen Verneinungen und Doppelverneinungen sprachlich recht schwierig zu lesen. Im Grundsatz besagt § 3c UStG, dass die Umsätze bei Versendungen an Privatpersonen innerhalb der EU im Land des Empfängers zu besteuern sind. Ausnahme hier könnte sein, dass die Lieferschwelle des jeweiligen Staates nicht überschritten wird.

Auf weitergehende Ausführungen hierzu möchten ich an dieser Stelle verzichten, sprechen Sie uns bei Detailplanungen daher direkt an.

Versendet unser Händler H aus obigen Beipiel – nach seinem innergemeinschaftlichen Verbringen in das FBA-Auslieferungslager in Polen – die Ware wieder nach Deutschland, ohne die Lieferschwelle zu überschreiten, findet die Versandhandelsregelung nach § 3c Abs. 1 UStG keine Anwendung. Das hat zur Folge, dass der Ort dort belegen ist, von wo aus die Beförderung begonnen hat, also im FBA-Lager. Damit ist der Umsatz am Ort des FBA-Lagers steuerbar und regelmäßig auch steuerpflichtig. Der Händler H hat somit in unserem Beispiel polnische Umsatzsteuer auf die Rechnung zu schreiben, diese anzumelden und in Polen abzuführen. Sollte der Lieferer hingegen beantragt haben, dass das Überschreiten der Lieferschwelle keine Voraussetzung ist oder würde er de facto die Lieferschwelle überschreiten, wäre der Ort der Lieferung am Versendungsende, also in Deutschland. Entsprechend könnten dann die Umsätze hier in Deutschland im Rahmen der Voranmeldungen und der Jahreserklärung deklariert werden. Unabhängig von der Anwendung des § 3c UStG folgt bereits aus der Einlagerung im Ausland eine Registrierungspflicht vor Ort. Der Prozess der Anmeldung ist mit dem Verfahren in Deutschland vergleichbar. Die notwendigen Unterlagen sind in polnischer Sprache vorzulegen. Die Bestellung eines Bevollmächtigten oder Fiskalvertreters in Polen ist möglich, aber nicht notwendig.

Weitere umsatzsteuerliche Risiken ergeben sich aus den Abrechnungspapieren von Amazon. Durch Amazon Marketplace vereinnahmte Umsätze werden Ihnen in der Regel nur abzüglich der „Amazon-Gebühren” auf ihrem Konto gutgeschrieben. Die Gebühren unterliegen in der Regel der sogenannten „Reverse-Charge Regelung”. Insoweit muss für eine korrekte Versteuerung, der Umsatz mit dem Kunden, also vor „Amazon-Gebühr” ermittelt werden. Dieser ist dann anzumelden. Ebenfalls in die Erklärung / Voranmeldung aufgenommen werden muss, die durch Amazon einbehaltene Gebühr, da hier die Regelungen zum § 13b UStG zur Anwendung kommt. D.h. der Händler hat die Umsatzsteuer auf die Gebühr ebenfalls noch anzumelden und abzuführen. Hat hier aber in der Regel in gleicher Höhe einen Vorsteuerabzug.

Hinweis:
Die reine Erfassung des gutgeschriebenen Betrages durch Amazon als Umsatz führt zu einem umsatzsteuerlich falschem Ergebnis und zu höheren Nachforderungen der Finanzverwaltung im Rahmen von Prüfungen.

Betrachtung Kunde
Der Direkteinkauf bei Amazon erscheint steuerlich risikoarm. Wird vom Einkauf über die USt-IdNr. kein Gebrauch gemacht, erhält der Kunde stets eine Rechnung mit deutschem Steuerausweis, die auch im Übrigen den Voraussetzungen des § 14 Abs. 4 UStG entspricht. Dass Amazon den Verkauf steuerlich als Verkauf von Unternehmer (Amazon) an Privatperson wertet, steht dem Vorsteuerabzugsrecht des Kunden im Inlandsfall nicht entgegen.

Beim Einkauf über die USt-IdNr. können sich neben der gesicherten Vorsteuerabzugsberechtigung geringe Vorteile ergeben. Erfolgt der Verkauf als innergemeinschaftliche Lieferung, muss die Vorsteuer aus der Transaktion nicht vorfinanziert werden. Dem Vorteil steht das Risiko gegenüber, über das Konto versehentlich private oder andere, nichtunternehmerische Einkäufe zu tätigen.

Beachten Sie:
Bei Verwendung der USt-IdNr. für private Käufe des Unternehmers haftet dieser gegenüber Amazon.

Größere Risiken entstehen beim Einkauf über den Marketplace. Da die Rechnungstellung in eigener Verantwortung der Händler liegt, besteht das Risiko, keine (ordnungsgemäße) Rechnung zu erhalten. Im Zusammenhang mit ausländischen Anbietern kommt es immer wieder zu Beschwerden. Gerade in solchen Fällen ist die Durchsetzung des Rechnungsanspruchs mitunter schwierig und meist auch zu kostenaufwendig. Daneben hat der Händler auch die Möglichkeit, nur „an Privat“ zu verkaufen, so dass ein Rechnungsanspruch des Kunden dann generell ausgeschlossen ist.

Risiko ausländischer Steuerausweis:
Erhält der Kunde eine Rechnung, besteht infolge der zunehmenden Einschaltung von Lagern im Ausland das Risiko, dass keine deutsche, sondern ausländische Umsatzsteuer ausgewiesen wird. Für den Kunden ist dies im Rahmen der Bestellung nicht rechtsverbindlich erkennbar, da eine Bruttopreisvereinbarung geschlossen wird. Wurde ausländische Umsatzsteuer ausgewiesen, kommt eine Erstattung nur im Rahmen der Vorsteuervergütung (soweit hier die Voraussetzungen erfüllt sind) in Betracht, wenn man nicht ausnahmsweise auch als Kunde im Lagerstaat umsatzsteuerlich registriert ist. Weiter ist der Einkauf über die USt-IdNr. im Marketplace-Bereich nicht unmittelbar möglich. Eine entsprechende Vereinbarung müsste mit dem jeweiligen Händler gesondert getroffen werden. Darauf hat der Kunde allerdings keinen Rechtsanspruch.

Fazit
Der Handel bei Amazon birgt ein- und ausgangsseitig einige umsatzsteuerliche Risiken, die vor allem auf dem Marketplace zutage treten. Für den deutschen Händler kann es daher zwingend zur Registrierungspflicht am Lagerort von Amazon (z. B. Polen) kommen. Kundenseitig sollte beim Einkauf darauf geachtet werden, ob Waren im Direkterwerb von Amazon oder einem Händler bezogen werden. Soweit die Bestellung für unternehmerische Zwecke im Direkterwerb erfolgen soll, ist es sinnvoll sich einen 2. Account anzulegen, dort die Umsatzsteueridentifikationsnummer zu hinterlegen und ausschließlich über diesen Account die für das Unternehmen bezogene Ware zu ordern. Bei Bestellungen über den Marketplace gilt es abzuwägen, ob die Ware nicht ggfs. bei anderen Händlern, welche die Regelungen zu den innergemeinschaftlich steuerfreien Lieferungen 100%ig beachten schlussendlich nicht zu einem besseren Ergebnis führt.

Sollten Sie planen, Ihre Waren zukünftig als Händler über Amazon zu vertreiben, binden Sie uns in Ihre Entscheidung ein, damit wir von Anfang an die Weichen richtig für Sie stellen.

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Autor


Thomas Apitz

Steuerberater

Telefon+49 721 9633-137


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